Tag 5 im Wehrhahn-Prozess (8.02.2018)

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Der folgende Beitrag wurde übernommen von der „Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus NRW“

Aufgrund der Schließung des Gerichts um 12 Uhr war für den 8. Februar nur ein einziger Zeuge vorgeladen worden: Herr K., Mitarbeiter der „Tatortgruppe Sprengstoff/Brand, Entschärfung“ beim Landeskriminalamtes (LKA) und seit 2015 Behördengutachter des LKA. K. war auch an der Stellungnahme der „Operativen Fallanalyse“ des LKA zum Wehrhahn-Täter-Profil beteiligt. Beantworten sollte er vor Gericht Fragen zum eingesetzten Sprengsatz, zum Zugang zu den hierbei verwendeten Bauteilen und zu den seiner Expertise nach notwendigen Fertigkeiten, die es bräuchte, um einen solchen Sprengsatz herzustellen.

K. konnte hierbei auf drei Gutachten zurückgreifen: eines der „Wehrtechnischen Dienststelle für Waffen und Munition 91“ (WTD 91) in Meppen, eines des „Mannesmann Forschungsinstituts“ (MFI) und eines des LKA. Der sachverständige Zeuge wurde vor Gericht um Beschreibung dieser Gutachten gebeten. Hier erläuterte der Polizeibeamte K. vor allem Details zur Bearbeitung des Metalls des Bombenkörpers und zu dessen Materialeigenschaften. In den Gutachten seien etwa zwei unterschiedliche Möglichkeiten skizziert worden, wie der aus einem Rohrstück bestehende Bombenkörper geschweißt worden sei. Die WTD 91 spräche von einem Autogenen Schweißverfahren, das MFI von einem Schutzgasschweißverfahren. In jedem Fall sei die Schweißarbeit als „laienhaft“ zu beschreiben. Zur Herkunft des Materials läge die Beobachtung vor, dass es sich um ein Metallrohr nach „westlicher Norm“ gehandelt habe. Ein anderes Gutachten spreche von einer „GUS-Standard“-Legierung.

Neben den Gutachten lagen dem Polizeibeamten K. für seine Expertise im Rahmen der Operativen Fallanalyse außerdem Asservatenverzeichnisse aus Düsseldorf und Köln sowie Fotos der Asservate vor. Einige von diesen Fotos wurden zur Erläuterung und für Rückfragen in Augenschein genommen.

Nach seiner Erkenntnis, so führte der Zeuge im Verlauf der Befragung aus, habe es sich bei dem Sprengsatz um eine Rohrbombe gehandelt, bestehend vor allem aus einem Metallrohr, dem darin eingefüllten Sprengstoff und einem Zündmechnismus. Als Sprengstoff seien 250 bis 300 Gramm TNT in dieses Rohrstück gefüllt worden, mit einer Verunreinigung von 1,7 Prozent TNB. Eine solche Verunreinigung könne durch eine unsachgemäße Lagerung (zum Beispiel chemische Reaktion durch Lichteinstrahlung) verursacht worden sein. Sicher habe sie zu einer trägeren Reaktion, also zu einer deutlichen Verringerung der Explosionskraft geführt. Der Zeuge schloss auf Nachfrage der Oberstaatsanwaltschaft nicht aus, dass das TNT mehreren Handgranaten entnommen worden sein könnte. In einer Handgranate, die leicht zu öffnen sei, befänden sich in der Regel etwa 100 Gramm Sprengstoff. Allerdings würden deutsche Handgranaten schon sehr lange nicht mehr mit TNT bestückt werden – im Gegensatz beispielsweise zu russischen. Eine Handgranate, so berichtete der Zeuge auf weitere Nachfrage durch Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück, habe auf eine Entfernung von etwa 9 Metern tödliche Wirkung, bis 30 Meter Entfernung seien Verletzungen zu erwarten. Erst in einer Entfernung ab 50 Metern könne man von einem „Sicherheitsbereich“ sprechen. Es ließe sich nun aber nicht davon ausgehen, dass die beim Wehrhahn-Anschlag genutzte Bombe – in der etwa die dreifache Menge an Sprengstoff wie in einer Handgranate gewesen sein könnte – eine drei Mal so hohe Sprengwirkung wie eine Handgranate gehabt habe. Hier müsse insbesondere die Verunreinigung des TNT bedacht werden.

Der Mantel der Bombe – besagtes Rohrstück – sei manuell vorfragmentiert gewesen. Es seien also außen – ebenso laienhaft – mit handelsüblichen Schneid- und Schleifwerkzeugen Rillen bzw. Kerbungen eingefräst worden, um die Splitterwirkung auf „weiche Ziele“ zu vergrößern, ähnlich wie bei Handgranaten.

TNT könne grundsätzlich nur durch einen „Initialschlag“ zur Explosion gebracht werden, herbeigeführt durch eine/n am bzw. im Sprengsatz angebrachte/n Sprengzünder bzw. Sprengkapsel. Auch bei dem Sprengsatz vom Wehrhahn-Anschlag werde dies so gewesen sein. Der Zeuge erläuterte im weiteren Verlauf der Vernehmung, wie die Zündung einer TNT-Bombe ausgelöst werden könne und welche der Auslöse-Mechanismen für den Tathergang vom 27. Juli 2000 in Betracht gezogen werden können. Für wahrscheinlich sei anzunehmen, dass der „Initialschlag“ bzw. der Sprengzünder durch einen Funkkontakt aktiviert worden sei. Eine Fernzündung über ein Handy bzw. über einen UMTS-Sender (wie die Operative Fallanalyse es u.a. in einer ihrer Hypothesen zum Ablauf der Sprengung vorgestellt hatte) sei wegen der Zeitverzögerung durch den Aufbau einer Verbindung nach seinem Dafürhalten eher unwahrscheinlich. Eine mechanische Aktivierung hingegen sei nahezu auszuschließen, erläuterte der sachverständige Zeuge dem Gericht. Für ihn sei es gut vorstellbar, dass es sich um eine Funkfernsteuerung aus dem Modellbau gehandelt habe, ähnlich der Zündung, wie sie bei dem Anschlag auf der Kölner Keupstraße [vom 9.6.2004]an dem Sprengsatz der Nagelbombe angebracht gewesen sei. Dort habe es sich allerdings um einen deutlich professionellen Sprengsatz gehandelt. Das sei eigentlich nicht zu vergleichen, so K.

Zudem wies der LKA-Experte darauf hin, dass TNT zwar leicht ohne Explosionsgefahr zu handhaben sei, zum Transport des fertigen Sprengsatzes aber eigentlich eine Transportsicherung nötig gewesen sei, um nicht Gefahr zu laufen, dass die Bombe – unbeabsichtigt aktiviert, zum Beispiel durch den Taxifunk – vorzeitig explodiert.

Vor dem Hintergrund, dass bei einer zweiten Hausdurchsuchung bei Ralf S. Anfang August 2000 „Technische Informationen“ zu einem elektronischen Zünder der Firma „Dynamit Nobel“ gefunden wurden (siehe den Bericht zum 3. Prozesstag), fragte der Vorsitzende Richter den Zeugen, ob ein solcher Sprengzünder für den Wehrhahn-Anschlag in Frage gekommen wäre. K. antwortete, dass ein Einsatz zu diesem Zweck durchaus möglich sei.

Die Verteidigung des Angeklagten sprach den Zeugen auf zwei Punkte an. Zum einen auf die sich teilweise widersprechenden Ergebnisse der Gutachten. Zum anderen wurde noch einmal nach einem Detail aus der Operativen Fallanalyse gefragt. Darin sei die Rede von einer „Werkstatt“, die nach Dafürhalten der OFA für die Herstellung der Bombe wichtig gewesen sei. Hier antwortete der LKA-Experte klar, dass mit dem Begriff „Werkstatt“ nicht etwa eine besondere Räumlichkeit oder Ausrüstung gemeint gewesen sei. Alltägliches Werkzeug sei ausreichend für den Bau der Bombe. Sie ließe sich jedoch eher schlecht in Räumlichkeiten bauen, in der sich auch nicht Tatwillige aufhalten würden. Es reiche aber ein ganz normaler Raum.

Der Prozess wird am 16. Februar 2018 fortgesetzt, Beginn ist ausnahmsweise bereits um 9.00 Uhr.

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